Eine Geschichte im Dezember: Wintersonnwende (Teil1)

Birgit P • 9. Dezember 2023

Wintersonnwende 

Frostig war die dunkle Nacht. Kälte, bittere klirrende Kälte umgab ihn. An den Bäumen glitzerten die gefrorenen Schneekristalle silbrig im fahlen Mondlicht. Ein kalter Wind fegte ihm immer wieder vereinzelte Schneeflocken ins Gesicht, das mittlerweile schon so kalt war, dass sie einen Moment auf seiner Haut verharrten ehe sie schmolzen.
Eine weiße Pracht umgab ihn und verkündete allen, dass der Winter Einzug gehalten hatte. Er hatte allerdings für die Schönheit um ihn herum kein Auge. Es trieb ihn vorwärts gegen den eiskalten Wind, der ihm schon bis auf die Knochen gekrochen war. 
"Verdammter Wind, verfluchter Schnee, überhaupt verfluchter Winter", dachte er zornig. 
Er könnte viel besser verdienen, wenn im Winter nicht alles zum Erliegen käme. Aber der Schnee machte es oft zu schwierig, die Aufträge zu erfüllen. Nun ja, diesmal wollte er es trotzdem wagen und so kämpfte er sich weiter vorwärts. Wenn er weiter so langsam vorankam, würde er erst zur Wintersonnenwende sein Ziel erreichen. Nicht, dass ihm dieses Fest irgendetwas bedeuten würde, aber beim Gedanken daran, an so einem Festtag... naja, es musste getan werden egal an welchem Tag.
Mit jedem dieser Gedanken wallte ein dunkler Schatten hinter ihm kurz auf, unsichtbar für jedermann, doch die Tiere des Waldes mieden den Wanderer schon von weitem.

An den nächsten Tagen hatte er Glück und fand immer kurz vor Einbruch der Nacht eine Herberge, in der er die Nacht in einem warmen Zimmer verbringen konnte. Er kam seinem Ziel stetig näher, aber es war so, wie er gedacht hatte. Erst zur Wintersonnenwende würde er eintreffen. Sei es drum...

Am Morgen kurz vor seinem Ziel packte er seine Sachen in der Herberge zusammen und machte sich wieder auf den Weg. Das Wetter war etwas besser geworden. Wenigstens stürmte und schneite es nicht mehr, dafür wurde die Luft immer kälter und die trockene klirrende Kälte der sternklaren Nacht kroch ihm diesmal unter den wärmenden Umhang, den er fest um sich gewickelt hatte und dessen Kapuze ihm tief vors Gesicht hing. Trotzdem dauerte es nicht lang, bis sein gefrierender Atem seinen Bart mit kleinen bizarr geformten Eiszapfen übersät hatte.

 

Ein falscher Schritt und er stand plötzlich bis zur Hüfte in einem schneeüberzogenen Tümpel, den er übersehen hatte. Eiskaltes Wasser umspülte seine Beine und kroch schnell unter die Haut und kühlte sein Blut. Er musste hier raus, aber schnell. Einfacher gesagt als getan, er konnte sich nirgends festhalten oder sich herausziehen, mit jeder Bewegung sackte er nur weiter in den schlammigen Untergrund. Hilfesuchend schaute er sich um, fand aber nichts in der Nähe, was ihn weiterbringen würde. Zorn wallte in ihm auf und mit einem wütenden Schrei machte er sich Luft. Um ihn herum verdichtete sich der Schatten, der ihm überall hin folgte, doch er merkte es nicht.

Plötzlich blitzte ein winziges Licht vor ihm auf und kam schwebend vor ihm zum Stehen. „Unsinn, so etwas gab es nicht“, durchfuhr es ihn als eine kurze Ahnung in ihm aufkeimte.

Aber doch, als das Licht etwas verblasste und sich langsam eine kleine Gestalt daraus hervor schälte, musste er knurrig zugeben, dass es wohl tatsächlich Fabelwesen geben musste. Dieses tanzte in ihrem schneeweißen glitzernden Kleidchen ein wenig vor ihm hin und her, beschaute sich seine missliche Lage und lächelte dann sanft.

„Wie ich sehe, bist Du in Schwierigkeiten. Ich kann Dir meine Hilfe anbieten.“

Mürrisch erwiderte er. “Was kann eine so kleine Fee wie Du schon ausrichten?“, und wischte mit seiner Hand einmal vor sich durch die Luft als wolle er die Fee wie ein lästiges Getier beiseite wischen.

Erstaunt hob die Fee ihre Augenbrauen, lächelte jedoch immer noch sanft. „Du urteilst schnell und ungerecht. Ich hoffe, Du änderst Deine Meinung noch.“ Damit setzte sie sich nicht weit entfernt auf einen Ast und sah ihm in seinen Anstrengungen zu, allein aus dem Tümpel zu kommen.

Es dauerte nicht lang und er sah zähneknirschend ein, dass seine einsamen Bemühungen nichts bringen konnten. Immer noch mürrisch dreinblickend drehte er sich zu der Fee.

„Na gut, Du hast recht. Allein schaff ich es nicht. Kannst Du mir helfen?“

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht und sie schwang sich elegant von dem Ast. „Ich vielleicht, aber ich habe eine bessere Idee. Warte hier.“ Damit war sie schon außer Sicht geflogen und verschwunden.

„Typisch“, dachte er. „Wohin sollte ich wohl gehen. Feengeschmeiß.“

Aber es dauerte nicht lange und er konnte das kleine blinkende Licht der Fee wieder auf sich zukommen sehen. Im Schlepptau mit einem alten Mann, wie es schien, der in einer langen ungebleichten Robe und in einen ebenfalls ungebleichten wollenden Umhang geschlungen, schwerfällig durch den Schnee stapfte. Das wurde ja immer besser. Erst eine kleine fliegende Fee, nicht größer als sein kleiner Finger und nun noch ein alter Tattergreis mit langem weißem Rauschebart und Wanderstock. Er konnte sich gar nicht entscheiden, wem er mehr Kraft zutraute, ihn herauszuziehen.

Doch die langsam immer höher aufsteigende Kälte in seinen Gliedern ließ ihn diesmal den Mund halten und er rang sich sogar ein einigermaßen brauchbares Lächeln ab, als die beiden bei ihm vor dem Tümpel standen.

„Siehst Du, er braucht langsam wirklich Hilfe, er hat schon ganz blaue Lippen“, sagte die Fee gerade zu dem Alten.

Dieser nickte nur und schaute auf etwas hinter ihm, wie es schien, dann blickten die tiefen schwarzen Augen des Alten in seine Augen und ihn durchlief ein Schauer. Er konnte nicht mal sagen warum, aber der Alte schien ihm in die Seele zu blicken. Das behagte ihm gar nicht. Seltsam, und seine schwarzen Augen passten so gar nicht zu seiner sonstigen hellen Erscheinung und seiner freundlichen Ausstrahlung.

Erst nach einer Weile, die ihm wie eine Ewigkeit vorkam, kroch der Blick des Alten auf sein Gesicht und weiter hinunter bis zu dem Wasserloch, in dem er stand. Bedächtig nickte der Alte, ließ ihn jedoch nicht aus den Augen.

„Ja, es wird Zeit für Dich. Willst Du dir von mir helfen lassen oder willst Du Deinen Weg weitergehen?“, fragte ihn der Alte mit geheimnisvollen Worten. Doch ihm fiel es kaum auf, sein ganzes Streben war es nur aus diesem eiskalten Tümpel zu kommen und sich schnellstens aufzuwärmen. „Ja, ja, natürlich! Ich möchte Deine Hilfe!“, antwortete er daher rasch und schaute den Alten auffordernd an.

Dieser ließ seine Hände in einigen kurzen fließenden Bewegungen durch die kalte Luft gleiten, sprach ein paar fremd klingende Worte und ließ seinen Stock dreimal auf den Boden nieder fahren. Danach streckte er ihm seinen Stecken über das Eis zu. Der ersten Verwirrung über das eigenartige Gebaren des Alten wich ungeduldige Dankbarkeit als er endlich den Stecken greifen konnte und sich mit klammen Fingern daran festhielt. Doch die Kälte war schon weit in ihm hochgekrochen und er spürte, wie seine steifen Finger nicht mehr die Kraft hatten, sich gänzlich zu schließen. Als der Alte ihn an dem Stecken heraus ziehen wollte, rutschten seine Finger langsam aber stetig am Holz ab. Mehrere Male versuchte er, den Stecken im Griff zu behalten und jedes Mal rutschte er wieder ab, bis die Fee zu ihm schwebte und einige Male so schnell um seine Hände flog, die am Stecken lagen, dass er sie nur noch als Lichtschlieren wahrnehmen konnte. Überraschenderweise fühlte er sich nun an den Stecken gebunden und brauchte seine Hände nicht mehr zwingen, sich um das Holz zu schließen. Als er langsam schmatzend und am ganzen Körper zitternd aus dem Wasserloch glitt, wurden seine Sinne immer benebelter. Kaum konnte er sich noch darüber wundern, dass der Alte ihn tatsächlich aus dem Loch gezogen hatte, da verdunkelte sich langsam sein Blick immer mehr und das Letzte, was er sah, war nur noch das geheimnisvolle Lächeln des Alten als dieser sich über ihn beugte mit seinen tiefen schwarzen Augen…

 

Dunkelheit umfing ihn und er schwebte durch diese samtige Finsternis, fühlte sich geborgen und aufgehoben. Endlose Dunkelheit, endloses Schweben, zufrieden im Samt des Vergessens. Ein leichter Schauder kroch mit klammen Klauen über seinen Rücken, und als er die Augen öffnete, sah er in dieser Dunkelheit einen schwarzen Schatten lauern. Dieser Schatten passte nicht in seine samtige Dunkelheit. Dieser Schatten bereitete ihm Unbehagen, ja, er konnte ein Erzittern nicht unterdrücken. Die Klauen dieses Schatten griffen nach seinem Herz und er spürte die Kälte, ehe er sah, dass der Schatten sich nicht bewegt hatte. Ein Schauder überlief ihn und er hätte schwören können, dass der Schatten lächelte, obwohl es kein Gesicht gab, was ein Lächeln hätte tragen können.

 

Er erwachte mit einem Ruck und schaute sich hektisch um. Neben ihm auf einem Hocker stand ein Becher Wasser und auf einem Brett etwas Käse, Wurst und ein Stück Brot. Als er mit seiner Hand an die Stirn griff, fühlte er kalten Schweiß und er erinnerte sich an seinen eigenartigen Traum. Mürrisch schüttelte er den Kopf und vertrieb damit die letzten Eindrücke des Traumes.

Die Tür öffnete sich zu seiner Kammer und eine Frau mit langen dunklen Haaren kam lächelnd herein. „Ich grüße Euch Fremder. Ich sehe, Ihr seid erwacht und schaut viel erholter aus als noch gestern, als ihr vor unserer Tür lagt.“

Sie setzte sich an sein Bett und fühlte seine Stirn. „Ihr wart ziemlich durchgefroren und fast dachte ich schon, Ihr würdet nicht überleben, doch Ihr habt es geschafft.“ Sie machte eine kleine Pause und sah ihn nachdenklich an. Mit einem Seufzer setzte sie sich auf. „Ihr könnt Euch gern die nächsten Tage bei uns erholen. Die Wintersonnenwende ist bereits heute und es wird draußen noch kälter werden. Unsere Familie würde sich freuen, wenn Ihr mit uns dieses Fest begehen würdet.“ Diesmal sah sie ihn durchdringend an, als ob sie so sehen könnte, was ihn zu dieser Jahreszeit so abseits der Handelswege geführt hatte.

Er hingegen war seit ihrem Eintritt in einer erschrockenen Starre gefangen, und seine Gedanken rasten durch seinen Kopf. „Oh nein, wie konnte das geschehen? Warum gerade hierher? Was sollte er jetzt tun?“ Erst nach ihren letzten Worten löste sich seine Starre allmählich und er nickte kaum merklich.

„Fein. Ich werde den Kindern sagen, sie sollen nicht so laut sein und Euch wieder schlafen lassen.“ Sie stand auf und verließ anmutig den Raum.

Mit einem Satz saß er auf dem Bettrand und …sackte wie ein nasser Sack wieder zurück. Zitternd zog er die Decke wieder über sich und schaute sich um. Er musste in ihrem Schlafzimmer sein, nein, das sah eher so aus, als ob das ein Zimmer für Kinder gewesen wäre. Nun ja, mit etwas Glück schliefen sie und ihr Mann allein und die Kinder ebenso. Egal, heute Nacht würde er aufstehen können und gehen, doch vorher würde er noch seinen Auftrag erfüllen.

Er schlief den restlichen Tag, aß zwischendurch etwas von dem Teller und schlief weiter. Als die Frau ihn abends zum Abendessen holen wollte, tat er so, als ob er immer noch schliefe und sie zog unverrichteter Dinge wieder ab. Er jedoch versuchte langsam aufzustehen und sich einiges von seinen Sachen anzuziehen, die über einem Stuhl hingen. Seine Sachen schienen sie nicht angefasst zu haben. Gut, sonst hätten sie vielleicht geahnt, weshalb er hier war. Ein Singen klang durch die Tür. Neugierig bückte er sich und schaute durch eine Ritze in den angrenzenden Raum.



Überall standen Kerzen und beleuchteten den Hauptraum der Hütte in einem warmen Licht. Eine kleine Tanne stand in einer Ecke und war ebenfalls mit brennenden Kerzen geschmückt. Dazwischen hingen rote Äpfel und kleine Strohsterne. Die Familie saß vor dem Kamin im Halbkreis vor einem kleinen Tisch mit allerlei Leckereien und sang winterliche Lieder. Lieder, die selbst an seinem Herz kratzten und eingelassen werden wollten. Er schüttelte sich leicht und wollte dieses Gefühl abstreifen. Eine Wärme strahlte aus diesem Raum, die nichts mit dem Feuer im Kamin oder mit den Kerzen zu tun hatte. Eine Wärme, die fast greifbar war und sich um sein Herz legen wollte, doch er schüttelte sie unwirsch ab und ging zurück seine Sachen zu sichten. Als er fertig war, legte er alles bereit und legte sich wieder ins Bett. Diesmal achtete er darauf, nicht wieder einzuschlafen. Als die Frau noch einmal in sein Zimmer schaute, stellte er sich wieder schlafend und kurz danach hörte er, wie alles im Haus ruhiger wurde und sich alle schlafen legten. Eine Weile wartete er noch, dann stand er auf, legte seinen Gürtel mit den Dolchen und Messern um und schlich sich lautlos aus seinem Zimmer. Finsternis umfing ihn im Wohnraum, tiefe Dunkelheit und kurz schauderte er, ohne zu wissen, warum. Nachdem sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, schaute er sich noch einmal um. Von diesem Hauptraum gingen nur drei Türen ab und bis auf den Tannenbaum standen nur noch ein kleiner Tisch und vier Stühle in einer Ecke neben seiner Tür. Als er die erste Tür neben seiner leise öffnete, sah er drei Kinder in einem Bett schlafen und zog leise die Tür wieder zu. Die nächste Tür war die Haustür, das konnte er an dem kalten Luftzug darunter spüren. Also die letzte Tür! Leise schlich er hinüber und erschrak nicht zu wenig, als plötzlich ein Brett unter seinen Füßen leise knarrte. Jede Bewegung verhaltend stand er da und lauschte, doch nichts rührte sich und er schlich langsam weiter. Vorsichtig legte er seine Hand auf den Türknauf und drückte die Tür sanft auf. Sein Blick fiel zuerst auf einen großen schlafenden blonden Hünen, der zur Tür gedreht, leise schnarchte. Dahinter sah er die dunklen Locken der Frau, auch sie gab leise Schlafgeräusche von sich. Achtsam tappte er auf den Mann zu und überlegte kurz ob Dolch oder Messer. Eigentlich egal, er entschied sich für den Dolch und zog ihn leise aus der Scheide. Mit dem letzten schleichenden Schritt stand er vor dem Bett des Ehepaares und schaute noch einmal in die friedlich schlafenden Gesichter. Ein leises Bedauern schlich sich in sein Herz. Der Schatten hinter ihm drängte sich dichter und wallte einmal kurz auf. Das Bedauern verschwand wieder. Er zielte und stach zu.

Fast hätte er aufgeschrien, als sein Dolch von etwas unsichtbarem abprallte und er sich fast seinen eigenen Dolch in sein Knie gerammt hätte. Nur mit Mühe konnte er den Schwung aus der Klinge noch herausnehmen. Dann stand er fassungslos vor dem Bett und probierte einige vorsichtige Vorstöße mit der Spitze des Dolches. Es kam immer dasselbe heraus. Die Spitze prallte beharrlich von etwas ab, was seinen Augen verschlossen blieb. Wie konnte das sein?

 

Eine leichte Bewegung im Augenwinkel ließ ihn herumfahren und ein leises bekanntes Lachen begrüßte ihn aus der Zimmerecke neben der Tür.

„Wie ich sehe, hast Du von Deinem Vorhaben nicht abgelassen, obwohl Dir Dein Herz wieder und wieder sagt, dass Du es nicht tun willst.“ Die kleine Fee schüttelte den kleinen Kopf in gespielter Entrüstung.

Er sah sie fast verzweifelt an. „Hast DU dieses Dings um sie herum gemacht?“

Die Fee flog direkt zu seinem Ohr und flüsterte theatralisch. „Ja, und Du kannst es nicht durchdringen, egal was Du tust.“

Er ließ seinen Dolch mit einer hoffnungslosen Geste sinken. Hinter ihm wallte der Schatten auf und griff ihn mit kalter Hand ans Herz. Diesmal spürte er es und zuckte instinktiv zurück.

Anerkennend nickte die Fee leicht. „Schau hinter Dich.“

Er drehte sich lautlos um und meinte an der Wand ein dunkles Wabern zu sehen. Seine Erinnerung an den Traum kehrte mit voller Wucht zurück und auch an die Kälte und das Schaudern. Misstrauisch wich er zurück und stieß an die Barriere der Fee. Beklommen drehte er seinen Kopf zu der Fee. Diese lächelte nun warm und freundlich und er erinnerte sich an die Wärme, die früher am Abend aus dem Wohnraum gedrungen war. Die Wärme, die durch alle Wände gedrungen war, die mit wärmenden Strahlen in sein Herz gegriffen hatte und ein warm pulsierendes Sandkorn zurückgelassen hatte, wo sonst dumpfe Gleichgültigkeit herrschte.

Der dunkle Schatten hinter ihm bäumte sich hoch auf, doch er merkte es nicht. Verwundert besah er sich dieses kleine glimmende Sandkorn und erstaunt sah er, dass es immer größer wurde. Im gleichen Maße wurde der Schatten immer durchlässiger und waberte langsam und hilflos aus dem Raum.

Die Fee lächelte sanft mit einem kleinen Blitzen in den Augen, als sie in sein Gesicht sah und eine Erkenntnis erblickte, die ihm schon so lange abhanden gekommen war. Als er sich langsam der Tür zuwandte, umfing ihn Dunkelheit und er schwebte durch diese samtige Finsternis. Er fühlte sich geborgen und aufgehoben. Endlose Dunkelheit, endloses Schweben, zufrieden im Samt des Vergessens. Eine Wärme umhüllte ihn und trug ihn mit sich durch die Dunkelheit. Warme Schwärze ….

 

Er erwachte am See und sah in die lächelnden tiefschwarzen Augen des alten Mannes...


Bilder: Anna Oakflower

von Tina Igelbrink 20. Juni 2026
Alban Hefin - Sommersonnwende - Johanniskraut
von Tina Igelbrink 27. April 2026
Ja, ich weiß: Spricht man von Beltane oder der Walpurgisnacht kommt einem sofort die Maibowle und der Waldmeister in den Sinn. Ich möchte hier aber ein weiteres Kraut vorstellen, dass mit dem Fest der Fruchtbarkeit in Verbindung steht: Die Brennnessel Nicht nur, weil sie zu dem Zeitpunkt in voller Kraft steht und frisches Grün liefert, sondern auch, weil es aus den Getränken – in diesem Falle Bier – verschwunden ist, weil es ein „Feuer in den Lenden“ hervorrufen soll ... wenn das nicht zu Beltane passt ... aber dazu später mehr. Die Brennnessel als Pflanze Die Brennessel (Urtica dioica), auch Große Brennnessel genannt, aus der Familie der Brennnesselgewächse ist, wie der lateinische Name schon andeutet zweihäusig. Dass heißt, es gibt männliche und weibliche Pflanzen. Wer also die wunderbaren Brennnesselsamen im Spätsommer ernten möchte, halte nach den weiblichen Pflanzen Ausschau, die dann an den vollgepackten herabhängenden Samensträngen erkennbar sind. Der Gattungsname der Brennnessel leitet sich dabei vom lateinischen Wort „urere“ (= brennen) ab und verweist auf die Brennhaare der Pflanze, die beim Kontakt mit der Haut Schmerzen und Quaddeln verursachen. Andere Namen dieser altbekannten Heilpflanze sind auch Hanfnessel, Saunessel, Donnernessel, Feuerkraut oder Teufelskraut. Brennnessel-Arten sind windbestäubt und sind keine Nektarpflanzen für Insekten. Aber dafür sind Brennnesseln eine sehr wichtige Futterpflanze für Schmetterlingsraupen. Für die Raupen von fast 50 Schmetterlingsarten sind die Brennnesseln eine Futterpflanze. Die Schmetterlingsarten wie der Admiral, das Tagpfauenauge, der Kleine Fuchs, den man auch Nesselfalter nennt, und das Landkärtchen sind beispielsweise auf die Brennnessel angewiesen, denn andere Pflanzenarten kommen für diese Arten als Futterpflanze nicht in Betracht. In Deutschland kommen noch die Kleine Brennnessel (ihre Brennhaare sind schmerzhafter finde ich), die Röhricht-Brennnessel und die Pillen-Brennnessel vor. Alle Arten werden in ähnlicher Weise genutzt. Es ist schwierig, die Brennnessel mit anderen Pflanzen zu verwechseln, da ihre Eigenschaft mit Brennhaaren ausgestattet zu sein spätestens beim Pflücken bemerkt wird. Wird man nicht mit Schmerzen begrüßt, hat man wahrscheinlich die Taubnessel erwischt, die ebenfalls essbar ist, aber medizinisch anders verwendet wird. Die Brennnessel kommt weltweit vor (mit Ausnahme der Antarktis). Ein starker Brennnesselbestand gilt allgemein als Zeiger für einen stickstoffreichen Boden. Man findet sie daher auf früher besiedelten Gebieten, weil es dort zu einer größeren Ansammlung von stickstoffhaltigen Substanzen wie Kompost, Exkrementen und dergleichen kam. Ihre Eigenschaft als Stickstoffanzeiger führte allerdings auch dazu, dass auf Luftbildern nach großen Brennnesselbeständen gesucht wurde, um an den Stellen nach Massengräbern nach den Weltkriegen zu schauen ... Die Brennnessel und ihre Geschichte und Symbolik Die Brennnessel hat eine lange Geschichte in der Welt der Spirits. Als Symbol für Stärke, Intuition und Weisheit wurde sie in vielen Kulturen verehrt. So war sie bei den Wikingern beispielsweise ein Symbol für Widerstandskraft und Schutz. Durch ihre Eigenschaft bei Berührung ein Brennen zu verursachen brachte ihr den Glauben ein, sie sei eine Pflanze für eine starke Abwehr gegen böse Geister und negative Einflüsse. Brennnesseln wurden als eine Art Schutzschild um den Hof oder in der Nähe der Haustür angepflanzt oder aufgehängt, um das Heim vor schädlichen Einflüssen und böse Geister zu bewahren. Aber auch das Tragen von einem Beutel mit getrockneten Brennnesseln oder das Räuchern von Brennnesselsamen (insbesondere in der Walpurgisnacht) galt als ein Schutz vor Teufel, Hexen, Geistern, Feuer und Blitzen. Die Brennnessel war den ganzen Frühling hindurch ein wichtiges Schutz- und Glückskraut: Brennnesselpfannkuchen am Johannistag gegessen, sollte vor dem Zauber von Elfen schützen. Man sagte auch, dass, wenn man Brennnesselgemüse am Gründonnerstag isst, man vor Geldsorgen geschützt ist. Im Frühling, der Zeit der Liebe und insbesondere zu Beltane wurde die Brennnessel ein Symbol für unerwiderte Liebe und es kam vor, dass manch einer sie als Liebesgeißel nutzte und sich damit peitschte.
von Anam Cara 22. März 2026
Lorsque je suis arrivé à Herbstein, j’ai eu l’impression que cet endroit m’accueillait comme une vieille amie. Dès mes premiers pas, une familiarité tranquille flottait dans l’air – presque comme si le sol lui-même reconnaissait mes pas. Je me suis plongé dans le charme hivernal et sombre de cette région, où le silence parle son propre langage et où chaque respiration me relie plus profondément à la terre. Au-dessus de moi, des grimpereaux, des mésanges et des moineaux chantaient – leurs voix étaient un doux salut du printemps à venir. Des écureuils s'affairaient entre les branches, et alors que l'obscurité enveloppait le jour, le cri d'une chouette m'a procuré un sentiment de calme et de sécurité. Cette nuit-là, un ciel d'une rare clarté s'est ouvert au-dessus du village de vacances. Les constellations semblaient me murmurer des histoires, et je sentais mes pensées s’envoler au loin – au-delà des forêts, vers des aspirations et des objectifs enfouis au plus profond de moi. Sous ce firmament scintillant, chaque mot, chaque sourire et chaque pensée semblait prendre tout son sens. Je sentais que tout ce qui est visible n’est qu’une partie d’un tissu plus vaste qui nous relie les uns aux autres. Ce tissu – aussi fin que la lumière dans la rosée du matin, aussi solide que les racines des vieux arbres – est devenu pour moi le symbole de notre thème : « Weaving the Web ». Je pouvais littéralement sentir comment les idées, les actions et les rencontres s’entremêlent pour former un réseau vivant : l’homme et la nature, le passé et l’avenir, le rêve et l’action. Chaque fil que nous tissons ensemble,apporte sa propre touche d'éclat à l'ensemble. Dans le sol gelé, j’ai déchiffré les traces du gibier – de discrets récits de la vie nocturne invisible, qui continue de suivre son cours dans un ordre silencieux. La rivière, sauvage et indomptable, délimitait un espace où la nature et l’homme peuvent respirer côte à côte. Je me suis laissée porter entre bosquets, sentiers enchantés et clairières ouvertes – des lieux qui invitent à s’attarder, à rêver et à écouter. Une énergie particulière et lumineuse imprégnait cet endroit. Je la sentais dans le vent, dans les branches, dans la mousse sous mes pieds. C'était comme si les gardiens de cette terre nous observaient d'un regard bienveillant – comme s'ils voulaient dire : « Vous êtes les bienvenus. » À la fin de notre cercle, un renard est apparu. Silencieux, vigilant, majestueux. Pour moi, il était un messager entre les mondes – l'animal totem de notre cercle, qui nous protégeait et me confirmait que nous étions sur la bonne voie. C’est ainsi que ce week-end de préparation à Herbstein m’a fait ses adieux, comme une compagne qui me chuchote : « Continue. » Je suis revenue en tant que membre d’une communauté qui relie le visible au mystérieux – avec en moi une étincelle porteuse d’idées, de confiance et de la certitude que chaque pas, aussi petit soit-il, fait partie d’un grand chemin commun. Anam Cara photo: Anna Oakflower
von Anam Cara 22. März 2026
When I arrived in Herbstein, it felt as though the place was welcoming me like an old friend. From the very first step, there was a quiet familiarity in the air – almost as if the ground itself recognised my footsteps. I immersed myself in the wintry, sombre charm of this land, where silence speaks its own language and every breath connects me more deeply with the earth. Above me, tree creepers, titmice and sparrows called out – their voices a quiet greeting of the coming spring. Squirrels scurried busily between the branches, and as darkness enveloped the day, the call of a tawny owl gave me a sense of peace and security. That night, a sky of rare clarity opened up above the holiday village. The constellations seemed to whisper stories to me, and I felt my thoughts drifting far away – beyond the forests, towards longings and goals that lie deep within me. Beneath this sparkling firmament, every word, every smile and every thought felt meaningful. I sensed that everything visible is merely part of a greater fabric that connects us all. This web – as delicate as the light in the morning dew, as strong as the roots of ancient trees – became for me a symbol of our theme: ‘Weaving the Web’. I could literally feel ideas, actions and encounters weaving themselves into a living web: humanity and nature, past and future, dream and deed. Every thread we spin together brings its own radiance to the whole. In the frozen ground, I read the tracks of the wildlife – quiet tales of the invisible life of the night, which continues to unfold in its silent order. The river, wild and unyielding, defined a space where nature and humanity are allowed to breathe side by side. I let myself drift amongst groves of trees, enchanted paths and open glades – places that invite one to linger, dream and listen. A peculiar, luminous energy permeated this place. I felt it in the wind, in the branches, in the moss beneath my feet. It was as though the guardians of this land were watching over us with a benevolent gaze – as if to say: “You are welcome.” As our circle drew to a close, a fox appeared. Quiet, alert, dignified. To me, it was a messenger between worlds – the spirit animal of our circle, protecting us and confirming to me that we are on the right path. And so this planning weekend in Herbstein bid me farewell like a companion whispering to me: “Keep going.” I returned as part of a community that connects the visible with the mysterious – with a spark within me that carries ideas, confidence and the knowledge that every step, however small, is part of a great shared journey. Anam Cara pictures: Anna Oakflower
von Tina Igelbrink 21. März 2026
Bärlauch Pflanzen Jahreskreis
von Anam Cara 17. März 2026
vAls ich in Herbstein ankam, fühlte es sich an, als würde mich der Ort wie eine alte Freundin empfangen. Schon beim ersten Schritt lag eine stille Vertrautheit in der Luft – fast so, als erkenne der Boden selbst meine Schritte. Ich tauchte ein in den winterlich-düsteren Charme dieses Landes, wo die Stille ihre eigene Sprache spricht und jeder Atemzug mich tiefer mit der Erde verbindet. Über mir riefen Baumläufer, Meisen und Spatzen – ihre Stimmen ein leiser Gruß des kommenden Frühlings. Eichhörnchen huschten geschäftig zwischen den Zweigen, und als die Dunkelheit den Tag umhüllte, schenkte mir der Ruf eines Waldkauzes ein Gefühl von Ruhe und Geborgenheit. In jener Nacht öffnete sich über dem Feriendorf ein Himmel von seltener Klarheit. Die Sternbilder schienen mir Geschichten zuzuflüstern, und ich spürte, wie meine Gedanken weit hinausdrifteten – über die Wälder hinweg, hin zu Sehnsüchten und Zielen, die tief in mir liegen. Unter diesem funkelnden Firmament fühlte sich jedes Wort, jedes Lächeln und jeder Gedanke bedeutungsvoll an. Ich spürte, dass alles Sichtbare nur Teil eines größeren Gewebes ist, das uns miteinander verbindet. Dieses Gewebe – fein wie das Licht im Morgentau, stark wie die Wurzeln alter Bäume – wurde für mich zum Sinnbild unseres Themas: „Weaving the Web“. Ich konnte förmlich fühlen, wie sich Ideen, Handlungen und Begegnungen zu einem lebendigen Netz verweben: Mensch und Natur, Vergangenheit und Zukunft, Traum und Tat. Jeder Faden, den wir gemeinsam spinnen, trägt seinen eigenen Glanz in das Ganze. Im gefrorenen Boden las ich die Spuren des Wildes – leise Erzählungen vom unsichtbaren Leben der Nacht, das in seiner stillen Ordnung weiterwirkt. Der Fluss, wild und unbeugsam, begrenzte dabei einen Raum, in dem Natur und Mensch nebeneinander atmen dürfen. Ich ließ mich treiben zwischen Baumgruppen, verwunschenen Pfaden und offenen Lichtungen – Orte, die zum Verweilen, Träumen und Lauschen einladen. Eine eigentümliche, helle Energie durchzog diesen Ort. Ich spürte sie im Wind, in den Ästen, im Moos unter meinen Füßen. Es war, als beobachteten uns die Hüter dieses Landes mit einem wohlwollenden Blick – als wollten sie sagen: „Ihr seid willkommen.“ Beim Abschluss unseres Kreises erschien ein Fuchs. Leise, wachsam, würdevoll. Für mich war er ein Bote zwischen den Welten – das Krafttier unseres Kreises, das uns schützte und mir bestätigte, dass wir auf dem richtigen Weg sind. So verabschiedete mich dieses Planungswochenende in Herbstein wie eine Gefährtin, die mir zuflüstert: „Geh weiter.“ Ich kehrte zurück als Teil einer Gemeinschaft, die das sichtbare mit dem geheimnisvollen verbindet – mit einem Funken in mir, der Ideen, Zuversicht und das Wissen trägt, dass jeder noch so kleine Schritt Teil eines großen gemeinsamen Weges ist. Anam Cara
imbolc
von Tina Igelbrink 1. Februar 2026
imbolc - pflanzen zum Jahreskreisfest
von Tina Hollerspinne 20. Dezember 2025
Man spürt schon, dass etwas in der Luft liegt. Es ist kalt und dunkel. Man möchte sich am Liebsten Zuhause einmummeln mit einem Gewürztee und wenn man hat: An einer Feuerstelle. Das moderne Leben sieht jedoch meist ganz anders aus. Dabei wäre es gerade jetzt zurzeit des Rückzugs der Natur wichtig, selbst auch zur Ruhe zu kommen. Damit das im stressigen Alltag mit Familie, Arbeit und geschäftigem Treiben möglich ist, muss man erstmal wissen, was man eigentlich gerade braucht. Oft ist es gar nicht so viel…. Einfach mal nur atmen, langsam, ein und aus, ... und dann spüren, was höre ich? Was fühle ich? Was rieche ich? Was sehe ich? Kann ich was schmecken? Und dann weiterfragen: Wie geht es mir gerade? Wo drückt gerade der Schuh? Was beschäftigt mich gerade? Was möchte ich jetzt in diesem Moment tun? Was brauche ich jetzt gerade? Das muss gar nicht viel groß und wundervoll sein…. Bei mir ist es oft einfach nur ein kurzes Durchatmen, das mir hilft mich in dieser Zeit nicht selbst zu verlieren. Oder das Radio und die Musik, das Geplapper der Welt ausschalten. Die Gewürze beim Backen mal intensiv wahrnehmen. Manchmal brauche ich mehr: Eine Tasse warmen Tee und eine leuchtende Kerze. Diese kleinen Auszeiten können so viel Kraft schenken.
von Tina I. 3. Dezember 2025
Endlich war es wieder so weit: Ein Treffen von Druiden in entspannter Umgebung. Für den Ritualworkshop II von Matt McCabe und Anna Oakflower Ende November 2025 machten sich Druiden aus alles Himmelsrichtungen auf, um sich im ruhigen bayrischen Örtchen namens Voitmannsdorf auf dem Avena-Hof zu versammeln, um gemeinsam Rituale zu gestalten. Als wir am Freitagabend ankamen, herrschte ein wirbeliges Treiben bis sich alle gegenseitig begrüßt und herzlich umarmt hatten, so als hätte man sich vor Jahren das letzte Mal gesehen. Wunderbar. Noch bevor zum Abendessen gerufen wurde, versammelten wir uns im Seminarraum, der mit einer schönen Mitte gestaltet war. Diese ließ schon darauf schließen, was uns in den nächsten Tagen beschäftigen sollte Es ging darum, die drei keltischen Reiche Himmel, Land und Meer mit allen Sinnen zu erleben und sie in einem Ritual für alle erfahrbar zu machen. Keine so leichte Aufgabe wie man zunächst glaubt. Die Aufregung wurde zunächst groß, als das erneute betreten des Seminarraums von den beiden Kursleitern besonders berührend und mit bedecktem Haupt von statten ging. Umso fokussierter und ruhiger war es nach dem Ritual dann im Raum, erfüllt von den geflüsterten Worten und der besonderen Stimmung. Nach einer Vorstellungsrunde, in der der Fokus auf die Verbindung zum eigenen Wohnort lag, ging es zum Essen, wo man sich weiter austauschen konnte. Mit wunderbarem Essen im Magen und vielen neuen Geschichten im Ohr ging es noch einmal in den Seminarraum für weitere Aufgaben. So ging ein langer Tag zu Ende.
von Siul 1. November 2025
1. Eine moderne Geschichte: Die Nacht des Übergangs Der Nebel kam früh an diesem Tag. Schon am Nachmittag legte er sich über die Hügel der Buckligen Welt, wie ein stilles Meer aus silbrigem Atem. Die Sonne schien müde, und die Erde roch nach feuchtem Laub und Rauch. Bria zog den Mantel enger um sich und stieg den alten Hohlweg hinauf, der zum Waldrand führte. In ihrer Hand trug sie eine kleine Laterne, in der das Licht flackerte – nicht stark, aber beständig. Seit Kindheitstagen kannte sie diesen Weg. Früher war sie mit ihrem Großvater hier gewesen, um „die Ahnen zu grüßen“, wie er es nannte. Damals hatte sie es nicht verstanden – warum man in der Dunkelheit hinausgeht, wenn alle anderen sich ins Warme zurückziehen. Heute wusste sie es besser. Es war der Abend von Samhain, der Nacht, in der die Schleier dünn werden. In der man die Stimmen hört, die sonst im Wind verwehen. In der man sich erinnert, woher man kommt – und was man loslassen darf. Bria stellte die Laterne am Waldrand ab. Der Wind trug das Rascheln der Buchenblätter zu ihr, das ferne Rufen eines Käuzchens, das Schnaufen des Bodens, der sich unter der Kälte spannte. Sie nahm einen kleinen Stein aus der Tasche – glatt und rund, ein Stück Bergkristall, das sie tagsüber am Bach gefunden hatte. Er fühlte sich kühl an, doch zugleich lebendig, als würde er die Schwingung des Ortes in sich tragen. „Für das, was war“, flüsterte sie, und legte den Stein ins Moos. Dann zog sie ein zweites kleines Stück hervor: ein Federchen, das sie auf dem Dachboden gefunden hatte, zwischen alten Spindeln und vergilbten Leinen – eine Gänsefeder. Sie erinnerte sie an ihre Großmutter, die einst in den Rauhnächten Geschichten von der Percht erzählt hatte, der Weißen Frau, die mit den Wildgänsen zieht und die Spinnerinnen prüft. „Für das, was kommen darf“, sagte Bria und legte die Feder neben den Stein. Für einen Moment geschah nichts. Nur der Nebel bewegte sich, fließend und lebendig, als atme der Wald selbst. Dann aber glaubte sie, eine Bewegung zu sehen – nicht vor, sondern im Nebel. Ein Schemen, eine Silhouette. Ein Gesicht, das aus Licht und Schatten gewebt war. Bria erschrak nicht. Etwas in ihr erkannte diese Gestalt, lange bevor der Verstand es konnte. Die Frau im Nebel trug ein weißes Gewand, das wie Frost glitzerte, und in ihren Händen eine Spindel, auf der das Licht selbst gesponnen schien. Ihre Augen blickten tief, so alt wie das Land, und doch voller Güte. „Perchta …“ flüsterte Bria, kaum hörbar. Die Gestalt neigte den Kopf, fast wie im Gruß. Dann sprach sie – nicht mit Worten, sondern mit einem Klang, der im Innersten vibrierte: „Du gehst, wo zwei Welten sich berühren. Vergiss nicht: Das Ende ist der Anfang, und Dunkelheit ist nur das Kleid des Lichts.“ Ein leiser Wind erhob sich, trug den Nebel fort – und die Gestalt war verschwunden. Nur die Laterne flackerte weiter. Bria blieb noch lange dort stehen, bis der Mond sich zeigte – ein fahles, rundes Auge über den Hügeln. Sie wusste, dass dies kein Traum gewesen war. Samhain hatte ihr die Schwelle geöffnet, und Perchta war hindurchgetreten – als Zeichen, als Erinnerung, als Segen.