die Wortelfen: Geschichte zu Samhain
Höret die Ahnen

Ruhe war in die zauberhafte Bibliothek eingekehrt. Die Kleinelfe Lucia und die Schattenelfe Lenya, die beiden Bibliothekarinnen, hatten zwei turbulente Jahre hinter sich. Sie durften spannende Bücher und Schriftrollen in der Bibliothek kennenlernen und wurden dann von der immer weiter wachsenden Bücherei auf die Reise von Mond zu Mond geschickt um mit neuen Geschichten neue leere Regale für sie zu füllen.
Die großgewachsene, dunkel gekleidete, durchtrainierte Schattenelfe Lenya saß an ihrem Schreibtisch und starrte gedankenverloren aus dem Fenster. Leise schwebten im Wind bunte Blätter an der Glasscheibe vorbei. Im Hintergrund hörte sie ihre immer fröhliche, immer bunt gekleidete kleine Kollegin Lucia zwischen den Regalen rumoren. Jedes Mal wenn dieser langweilig wurde, versuchte sie die Bücher nach einem neuen System zu sortieren, was Lenya mit einem Augenrollen hinnahm, während sie sich auf Schreibarbeiten zu konzentrieren versuchte.
„Lenya, Lenya ich hab was gefunden!“, rief Lucia plötzlich und kam ums Eck geschossen. „Schau mal“, sagte sie aufgeregt und hielt ihrer Kollegin ein Buch hin. Dabei flatterte sie so heftig mit ihren Flügeln, dass sie beinahe abhob und Lenyas Unterlagen vom Tisch wehte. Die Schattenelfe versuchte vergebens, die herumfliegenden Zettel zu fangen, setzte sich jedoch resignierend wieder auf ihren Sessel und nahm von der Kleinelfe, das wunderschön verzierte in Leder gebundene Buch entgegen. Lucia stellte sich neben sie und die beiden lasen gleichzeitig, wie ausgemacht den Titel des vor ihnen liegenden Werkes: „Jahreskreisfeste des Druidentums.“
„Spannend. Aus welcher Welt stammt das Buch? Und was sind Druiden?“, fragte die Schattenelfe ihre Kollegin, während sie vorsichtig über den wundervollen Einband strich.
„Warte!“
Lucia lief nochmal los und kam kurz danach mit einem weiteren Buch zurück.
„Hier hab ich schon einmal etwas über Druiden gelesen. Sie kommen von einer Welt, die Erde heißt, auf der es nur Menschen gibt und waren früher wohl so etwas wie die Weisen, Lehrer und Berater in den Reihen der Bevölkerung“, plapperte Lucia munter los.
„Boah, es gibt einen Planeten, auf dem es nur Menschen gibt? Dabei sterben die schon wenn wir gerade mal unsere Volljährigkeit erreichen“, platzte es aus Lenya heraus.
Lucia lachte.
„Unterschätz diese Wesen nicht. Auch in ihren Reihen gibt es spannende Rituale und fesselnde Persönlichkeiten. Weisheiten die von Generation zu Generation weitergegeben werden und damit am Leben bleiben.“
„Sollen wir näher hineinlesen?“
„Oh, jaaaa!“
Enthusiastisch zog die Kleinelfe laut scharrend ihren Sessel neben den ihrer Kollegin und machte es sich gemütlich.
Ein leichtes Vibrieren ging von dem Buch vor ihnen aus, als sie ehrfurchtsvoll den Deckel öffneten und zu lesen begannen. Gleich zu Beginn fiel ihr Blick auf das Fest der Ahnen, Samhain.
„Oh schau mal Lenya, dieses Fest wird zur gleichen Zeit wie Ahnferiae gefeiert. Es wäre wirklich spannend einmal dabei zu sein.“
Die Schattenelfe nickte und las weiter.
„Zu dieser Zeit scheinen die Schleier zwischen den Welten dünn zu sein. Sollen wir versuchen mit einem Portal diese Welt zu finden, um uns so ein Ritual anzusehen?“
Lucia war natürlich hellauf begeistert und so machten sich die beiden sofort ans Werk, um die Erde und ihre Bewohner zu finden. Mittlerweile konnten die beiden doch schon einige Erfahrung in der Erstellung von Portalen sammeln und so gelang ihnen schnell, den Weg in die Menschenwelt Erde zu finden.
Es war Nacht, irgendwo in einem fremden Land, in einer fremden Welt.
Da sahen die beiden Reisenden einen Kreis blau, grün und weiß gekleideter Personen. Hinter Baumstämmen versteckt beobachteten die Elfen das Treiben. Diese Menschen mussten die Druiden sein. Sie begingen ein Ritual zu Samhain. Jeder Teilnehmende schienen genau zu wissen, was er zu tun hatten. Sie riefen die Himmelsrichtungen an, luden die Geister des Ortes ein und stimmten einen schönen Chant an. Das gemeinsame „Awen“ der Druiden erzeugte bei Lenya und Lucia eine Gänsehaut.
Eine weißgekleidete Frau mit langen weißen Haaren trat hervor und begann zu sprechen:
„Nun berührt den Gegenstand eines geliebten verlorenen Menschen, den ihr mitgebracht habt. Schließt eure Augen und spürt! Spürt und ruft eure Ahnen, mit all eurer Liebe, mit all eurem Sein, mit all eurer Dankbarkeit. Dankbarkeit für diejenigen, die vorangeschritten sind. Dankbarkeit für deren Weisheit und deren Schutz.“.
Sogleich veränderte sich die Luft um sie herum und begann zu schwirren. Im Kreis vereinten sich die Energien der Lebenden und der Toten. Die Druiden stimmten gemeinsam ein Lied an:
„Wir sind eure Seelen,
Wir sind euer Glanz,
Was wir haben, habt ihr für uns gebaut.
Ihr seid hinter unserem Spiegelbild,
Ihr seid der Wegweiser und unser Sternenbild.
Wir achten euch, ehren euer Geschenk.
In Gedanken geht ihr den Weg mit uns.
Darum kommt heute in unseren Kreis,
Wir sind der Anker der euch den Weg zurück zeigt,
So folgt uns für diese eine Nacht,
Damit wir zusammensitzen in trauter Zweisamkeit.
Einmal im Jahr bis auch wir vergessen sind,
Dann wird es Zeit zurückzukommen.
Doch bis es soweit ist,
Lasst uns einmal im Jahr zusammen speisen und uns spüren.
Lasst uns nun zusammen die Gläser erheben und sie rufen,
Die die uns vorausgegangen sind.“
Aus den vielen verschiedenen Stimmen wurde eine Gewaltige.
Aus dem Gesang eine Beschwörung.
Als er seinen Höhepunkt erreichte, winkte die weißhaarige Druidin ab und brachte alle zum Schweigen.
„Nun haben wir sie gerufen, doch aufgewirbelter Staub braucht Zeit sich zu setzen, so lasst uns eine Weile schweigen und weiterspüren.“
So standen sie da, schweigend mit geschlossenen Augen. Die Stille wurde nur von gelegentlichen Schluchzern unterbrochen.
Lucia dachte an zuhause und an ihren Familienbaum, der vor Jahrtausenden von ihren Ahnen gepflanzt worden war. Um sie herum manifestierten sich durchsichtige bunte Schmetterlinge. In ihrem Herzen breitete sich Wärme und Sehnsucht gleichzeitig aus. Zwischen dem Geflattere der Schmetterlinge nahm sie ganz leise Stimmen wahr. Gebannt lauschte sie, um die Botschaft wahrnehmen zu können.
„Bewahre dir deine Leichtigkeit und deine Begeisterungsfähigkeit Lucia. Sie sind eine Gabe, du erhellst damit Welten. Lass dir von niemanden etwas anderes einreden.“
Lucia wischte sich eine kleine Träne weg und nickte. Die Schmetterlinge wurden immer durchsichtiger und lösten sich auf.
Lenya umfasste den Anhänger um ihren Hals und schloss die Augen. Sie hatte ihn vor vielen Jahrhunderten von ihrem lange verstorbenen Großvater bekommen. Plötzlich fühlte sie eine Hand auf ihrer Schulter liegen, so wie er es immer getan hatte. Seine Stimme tönte in ihrem Kopf: „Vergiss niemals, deinem Herzen zu lauschen, es wird dir immer den richtigen Weg weisen.“
Wärme umfasste die sonst so reservierte Schattenelfe und zauberte ein Lächeln in ihr Gesicht. Dankbar schwor sie sich, niemals diese Worte zu vergessen.
Ergriffen von dem Erlebten zogen sich die beiden Elfen vor Ende des Rituals leise zurück und begaben sich mittels eines weiteren Portals wieder zurück in die zauberhafte Bibliothek auf der Insel hinten den Wolken.
Dort angekommen setzten sie sich mit einer Tasse Kakao bewaffnet auf die mit Efeu umwachsene Terrasse vor der Bibliothek und betrachteten den über ihnen hängenden Vollmond. Kein Wort kam über ihre Lippen. Voll Dankbarkeit für dieses wundervolle Erlebnis und die wärmenden Worte ihrer Ahnen, genossen sie eingewickelt in Decken die kühle Nachtluft und gaben sich das stille Versprechen auch die anderen Jahreskreisfeste dieser Druiden zu besuchen.
die Wortelfen









